Die Pösinger Böllerkanone

Kanonen Truppe

Jeder der einmal an Fronleichnam oder an Silvester in Oberbayern zu Besuch war, kennt den Brauch der dortigen Schützen mit ihren Feuerwaffen Salut zu schießen. Da herkömmliche Gewehre nicht laut genug krachen, werden vor allem Hand- oder Schaftböller eingesetzt. Mit Böllern, das sind Knallbüchsen verschiedener Art die mit Schwarzpulver geladen werden, wird zu feierlichen Anlässen geböllert oder anders ausgedrückt geknallt. Dieser Brauch wurde im Laufe der Jahre auch von den Oberpfälzer Schützen übernommen. Auch im Schützengau Roding wurden in einigen Vereinen Böllergruppen gegründet. In Pösing hatte sich der damalige Krieger- und Soldatenverein bereits im Jahre 1915 bei der Firma Wenig in Pocking eine richtige Salutkanone Kaliber 51mm gekauft. Das kleine Geschütz ist zum Salutschießen bestens geeignet. In den Wirren des „Dritten Reiches“ löste sich der Krieger- und Soldatenverein auf und die Kanone fiel an die Gemeinde Pösing. Wie von älteren Pösinger Bürgern zu erfahren war, hat der alte Vecherl , ein Jäger der mit Pulver umgehen konnte, die Böllerkanone bedient. Geholfen hat ihm meistens der Spießl Hans. Nach dem Tode vom Vecherl im Jahre 1962 geriet die Kanone in Vergessenheit. Etwa 10 Jahre gingen ins Land und keiner dachte mehr an die Böllerkanone. An einem Schießabend im Vereinslokal Weitzer, man hatte schon tüchtig dem guten Gerstensaft zugesprochen, erinnerte man sich wieder der Kanone. Diese stand, so wussten einige Schützen zu berichten, beim Obermüllner in der Scheune und es war Brennholz darüber geschlichtet worden. Ohne lange zu fragen holte man heimlich das gute Stück, ohne das irgendjemand etwas merkte, zur vorgerückten Stunde aus der Scheune. Die Schützen wollten sie wieder herrichten um am kommenden Prangertag damit zu schießen. Am anderen Morgen, die erbeutete Kanone wurde gerade vom Hühnerdreck gereinigt und man begann die Räder zu streichen, tauchte plötzlich die Polizei auf. Dieser war der Diebstahl der Kanone gemeldet worden und rasch wurde man bei den Pösinger Schützen fündig. Sogleich nahm man die Übeltäter ins Verhör. Die angehenden Kanoniere wurden trotz durchzechter Nacht überraschend schnell nüchtern, denn sie sahen sich schon hinter schwedischen Gardinen sitzen. Doch als Retter in der Not erschien der damalige Bürgermeister Ludwig Weiß, selber ein Schütze, der eine Lösung für das leidige Problem fand. Die Kanone bleibt Eigentum der Gemeinde aber sie bleibt auch bei den Schützen. Der Schützenverein „Gemütlichkeit“ Pösing soll sie verwahren und betreuen und am Prangertag Freudenschüsse abgeben. Die Polizei rückte wieder ab und die Schützen feierten ihre wiedererlangte Freiheit mit einem Faßl Bier. Sogleich beschlossen sie, wann immer ein Schütze am Gottesacker beerdigt wird, soll hinter der Friedhofmauer dreimal geschossen werden. Dieser Brauch lebt im Schützenverein bis heute fort. Mittlerweilen wird auch am Heldengedenktag und bei Festgottesdiensten anderer Pösinger Vereine geböllert. Nicht jeder darf mit der Böllerkanone böllern. Um mit dieser schießen zu dürfen ist eigens ein Sachkundelehrgang mit einer strengen Prüfung nötig. Der Böllerschütze wird im sachkundigen Umgang mit Schwarzpulver und dem sicherheitstechnischen Umgang mit Böllern vertraut gemacht und geprüft. Viele Jahre waren Xaver Wittmann und Theo Niebauer Böllerschützen. Nach dem Tode von Xaver Wittmann ist unser Schützenbruder Theo Niebauer bis zum heutigen Tage der Kanonier der Pösinger Schützen. Mittlerweilen haben auch die Schützen Fraundorfer Hans und Reuschl Ernst die Sachkundeprüfung für das Böllerschiessen absolviert. Um nicht immer die schwere Kanone einsetzen zu müssen, hat sich Hans Fraundorfer einen Schaftböller Kaliber 30 mm zugelegt. Damit kann weiterhin der Brauch des Böllerschiessens bei den Pösinger Schützen weiterleben. Die Böllerkanone und der Schaftböller müssen alle 5 Jahre durch das Beschussamt München auf ihre Sicherheit überprüft werden. Sie müssen neu „beschossen“ werden. Diese Prüfung wird mit einer Beschussbescheinigung bestätigt. Zugleich müssen die Böllerschützen alle 5 Jahre ihre Erlaubnisscheine zum Erwerb und der Lagerung von Schwarzpulver beim Landratsamt verlängern lassen. Somit kann man in Pösing jedes Jahr als Besonderheit am Prangertag, am Heldengedenktag oder zu anderen feierlichen Anlässen, anders als in den umliegenden Ortschaften, den lauten Knall der Salutkanone hören.